Die Azoren – milde tropische Schönheit

Reisebericht von Christoph Laade

Ich bin einem Novembertief entflohen und habe mir ein Azorenhoch mitgebracht.
Hier ein paar Stimmungsbilder zu Besuchszielen unserer Reise Azoren vom 31.07. – 07.08.2017 die der Biologe und Fernsehgärtner Dr. Markus Phlippen begleiten wird.

Oh, wie schön ist es hier…

Ein paar Tage auf den Azoren…

… bedeutet ein paar Tage in der Mitte der Welt. Gibt es einen Ort der zugleich dichter bei Neufundland und Island zwischen Amerika und Europa ist als die Azoren ? Gibt es einen Ort der uns zugleich völlig unbekannt ist und doch alle paar Tage ins Bewusstsein rückt als Verheißung von gutem Wetter?

Ein paar Inseln mitten im Atlantik, die erst sehr spät von den Eroberern der neuen Welten entdeckt wurden, was ist hier wohl los ? Es ist friedlich hier und doch zeigen sich die Macht des Planeten und die Kraft der Sonne auf das der kleine Mensch nur so staune.

Der Verkehr selbst in der Hauptstadt Ponta Delgada wirkt stets wie Sonntags um 11 in der kleinen Stadt, in der ich wohne. Kein Hupen, kein Drängeln, geduldig warten die Autos auf Fußgänger. Mit meinem kleinen Mietwagen komme ich problemlos durch die engsten Gassen. Nur gegen halb sieben abends bekomme ich Probleme am Steuer wenn kurz vor ihrem Abtauchen die Sonne auf Augenhöhe ist. Richtig groß ist nichts in der Hafenstadt. Man ist stolz auf Kreuzfahrtschiffe die hier anlegen. Besonders schmucke Gebäude fallen nicht auf. Die größte Kirche die Igreja Matritz de Sao Sebastiano überragt die 3 Hafenkräne nicht. Es ist eben überschaubar und gemütlich hier.

Mit drei Spaziergängen hat man die Übersicht in der Hauptstadt gewonnen, nach drei Tagesfahrten über Land kann man sich schon an den Straßenschildern orientieren.

Langweilig ist es hier allerdings nie, sagen die Insulaner doch, es gäbe stets 2-4 Jahreszeiten an einem Tag. Sollte einem das Wetter nicht gefallen, so warte man 30 Minuten und die Sonne kommt zum Vorschein. Dass unser gutes Wetter hier entsteht, wissen Sie. Warum das so ist, können Sie sich am besten von Sven Plöger in der ARD Mediathek erklären lassen.

Ich betrachte die Welt am liebsten durch meine grüne Gärtnerbrille und will gleich am Flughafen Pflanzen bestimmen und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Überall wo ich in den kommenden Tagen einen Miradouro, – einen Aussichtspunkt ansteuere sage ich mir: Oh, wie schön ist es hier.

Blau umschlungen – Azoren oder Azuren?

Blumenreich, fast wie die letzten Meter zu einem ambitionierten Gartencenter schlängeln sich die Wege der grünen Insel Sao Miguel übers Land. Der Landschaftsleser erwacht in mir. Warum ist das so?

Aus der Tiefe des Atlantiks haben sich die Inseln erhoben. Die Basis der Vulkane beginnt einige Km unter der Wasseroberfläche und erhebt sich einige hundert Meter über die Wasseroberfläche. Wie große Zipfelmützen säumen die längst erloschenen Krater die Uferstraßen. Kühe weiden auf den saftigen Wiesen und sorgen für eine große Vielfalt an leckerem heimischem Käse auf dem Frühstückstisch. Der Weg zum blauen und grünen Kratersee führt an der Küste entlang durch kleine Fischerorte. Schmale kleine Häuser reihen sich entlang der Durchgangswege. Viele Orte liegen hinter einer Ponta, einer Landzunge, die durch die Erosionskräfte der See geformt wurden. Die See hat sich in die Mündungen der am Krater gespeisten Flüsse eingenagt und breite Trichter geformt.

Die Wege von Ort zu Ort folgen kurvenreich den Taleinschnitten bis zu einer schmalen Stelle an der eine Brücke gebaut werden konnte.

Die Wegführung ist alt. Durch Ausspülung des Bodens wurden die Wege ein bis drei Meter in die Landschaft eingefräst. Auf den steilen Böschungen fühlen sich unsere guten Bauernhortensien besonders wohl und bringen außergewöhnlich blaue Blüten hervor. Auf der fruchtbaren Vulkanerde gedeihen auch noch so manch andere Terrassenfreunde unserer Gärten. Stolz recken sich blaue Agapanthus in die Höhe, während sich Wandelröschen wie Unkraut als Bodendecker breit machen. An den Stämmen von Platanen sprießen weiße Himalajalilien aus ihren dicken Knollen, an feuchteren Senken leuchten die weißen Kelche der Zantedeschia. Auf den Kämmen der Böschungen blühen rote Aloe. Die stolzen Blüten lassen die traurigen nie blühenden Topfexemplare aus unseren Wohnzimmern schnell vergessen. Aus Gärten entwischt sind mancherorts die blauen Windenblüten der Ipomea. Strelitzien dagegen dulden keine Konkurrenz und tauchen nur in Gärten auf.

Alsbald ist die nächste Ponta erreicht und gibt den Blick frei auf die blaue Weite der See.

Die Insulaner sind blauumschlungen, bewegen Sie sich doch stets auf blaugesäumten Wegen hin zur ewig weiten blauen See.

PS: Der Begriff Azoren hat nichts mit Azur ( blau ) zu tun. Der stammt vom portugiesischen Begriff für Habicht – acor und bezeichnet die hier häufig vorkommenden Rothschild – Bussarde.

Von guten Mächten wunderbar geborgen – Botanische Gärten auf den Azoren

Schwarz – Weiß sind die Wege…

Zunächst ein paar Worte zu den Wegen in Ponta Delgada. Die Azoren gehören zu Portugal, dem Land der schwarz- weißen Pflaster. Es ist wunderbar zu sehen wie jeder noch so schmale Fußgängerstreifen ein neues Muster bekommen hat. Entlang der Wege sind die Weißen die Spielsteine aus denen Straße für Straße neue Muster gelegt wurden. Nur der Platz vor der Kirche Igreja Matriz do Sao Sebastio wird durch die hellen Kalksteine aufgehellt, während dunkle Rauten aus Basaltwürfeln Rhythmus ins Weiß bringen. Kleine Häuser begleiten einfache Striche oder Rechtecke. Vor dem Regierungspalast zieren komplexe Ornamente den nächsten Schritt. Ich wäre bereit mir die geheimen Botschaften der verschlungenen Steinmuster erklären zu lassen, wenn mich nicht weit gewaltigere Wunder in ihren Bann gezogen hätten.

…Grün ist das Ziel – Garten des Palastes der Sant` Ana

Vor dem Zugang zu den wunderbaren Baumriesen des Parkes des Palastes der heiligen Anna muss zunächst eine kleine Wachhütte passiert werden. Was wäre ein Regierungssitz auch ohne seine Uniformträger?

Am größeren Tisch sitzt, in Ehren beleibt, der Wachhabende mit Mütze, der nichts sagt. Er kämpft fortwährend mit dem Schlaf. Ein junger Offizier am kleinen Tisch spricht mich freundlich auf Englisch an, erfasst meine Ausweisdaten, händigt mir einen umhängbaren Tagesausweis und den in bunten Farben gehaltenen Plan des Gartens aus.

Die bunten Farben und ornamental geschwungenen Wege des Plans sind nett aber sogar nichts im Vergleich zu dem Pohutukawa Baum hinter denen sich der tiefrote Palast mit zwei Etagen bescheiden duckt. Das auch neuseeländischer Weihnachtsbaum genannte Eisenholz soll in seiner Heimat nur 15m hoch werden. Das Exemplar hier ist ein mindestens dreimal 15 m breit. Die mächtigen Triebe müssen abgestützt werden. Wie ein Vorhang umgeben Luftwurzeln die Stämme und sorgen einmal den Boden berührend mit neuen Schösslingen für einen Kranz von Nachkommen.
In Neuseeland blüht der Riese im Dezember weihnachtsfrohlockend rot. Hier auf der Nordhalbkugel ist die Hauptblüte im Juni. Im Dezember kann man sich dann am Lametta ( den Luftwurzeln ) erfreuen. Für die Maori ist ein alter Pohutukawa am Cape Reinga der Eingang für die Geister der Toten auf dem Weg zu ihrer Heimat Hawaiki.

Zur Weihnachtszeit blühen hier tastsächlich Christsterne, die zu 3-8 m hohen Gehölzen heranwachsen. Malerisch macht sich auch ein intensiv rot blühender Korallenstrauch.

Hoch in den Himmel ragen Norfolktannen, die mit ihren oft kerzengeraden Stämmen gerne als Masten für Großsegler verwendet wurden.

Armdicker Goldbambus ist zu einem wogenden Hain herangewachsen. Mächtige Palmen bilden eine Allee zum Palast. Als ob der Balljunge Sie vergessen hätte, umgeben die tennisballgroßen Früchte
den Milchorangenbaum. Wie ein großes blutiges Vogelnest wirken die roten Nüsse im Herzen der Palmfarne.

Möge auch die Regierung in Ponta Delgada von ihren guten Baummächten wunderbar geborgen und geleitet sein.

In einer Beurteilung auf einer Internetreiseplattform steht über den Park in etwa:
„Ich habe selten für € 2.- so wenig geboten bekommen.“ Gerne zahle ich dem Autor sein Geld zurück, wenn er vor seinem nächsten Kommentar erstmal staunen lernt.

Im Finkenwald des Priolo – endemische Pflanzen

In den Parks der Städte begeistert die Fülle und Größe der Pflanzen aus aller Welt.

Pflanzenfreunde entdecken auf den Azoren jedoch auch einheimische ( endemische ) Pflanzen, die sonst nirgends auf der Welt zu finden sind.

Jahrhunderte lang wurden die Bergwälder der Azoren jedoch nur als Selbstbedienungsladen ohne Kasse gesehen. Der Waldbau wurde stark vernachlässigt. Das sensible Ökosystem der Lorbeerwälder
hat stark gelitten. Um den Bodenabtrag aufzuhalten wurden im Osten der Insel fast flächendeckend japanische Sicheltannen ( Cryptomeria japonica ) gepflanzt. Prächtige Forste bedecken nun die steilen Flanken der ehemaligen Vulkane.

Im Naturschutzgebiet Serra Tronqueira werden im Schutz der mächtigen Sicheltannen wieder kleinwüchsige heimische Gehölze wie der Azorenlorbeer, Azorenheide, heimische Blaubeergehölze, der ebenfalls blau fruchtende Schneeball ( Viburnum treleasei) und die hier her stammende Stechhülse gezogen.
In einem kleinen Bereich, kann man einen Eindruck bekommen, wie einst der niedrigwüchsige Lorbeerbaum Urwald der Insel ausgesehen hat.

Finkenkonzert

Im Schutzgebiet der Serra Tronqueira war ich an einem Sonntag ohne weitere Besucher.
Das Gebiet wird auch Wald der Priolos, der Azorengimpel, genannt.

Man hörte ausschließlich das leise Piepen von Buchfinken, Stieglitzen, Girlitzen, wohl auch dem Priolo und Wintergoldhähnchen. Ab und an schnippte eine Schafstelze oder eine Amsel. Wobei die Amseln hier sehr viel leisere Fluchtrufe ausstoßen als bei uns.

Es war unglaublich. Keine Motoren auch kein dumpfes Brummen aus der Ferne,
keine Menschenrufe, keine gurrenden Tauben, keine kreischenden Eichelhäher. Schlicht keinerlei schrille, laute oder dumpfe Geräusche.

Das ganz war eher wie ein leise plätschernder, zwitschernder und piepsender heilsamer Tinnitus. Ein echter Twitter – Kurort.

Dieses Naturkonzert war einfach zu schön um wahr zu sein. In etwa so als ob 30.000 Schüler bei einer Pokemonsuche in einem Stadion säßen und nur Ihre Handys bedienten ohne einen weiteren Laut von sich zu geben. Man hörte nur diverse leise Tastengeräusche.

Ich habe nach langem Suchen schließlich auch zwei der seltenen dunkelköpfigen Azorengimpel erspäht.

Weitere Baumriesen im Park Antonio Borges

Zwischen 1858 und 1861 legte der Ananaszüchter Antonio Borges für seine Pflanzensammlung den Park im Norden der Innenstadt von Ponta Delgada an. Geschwungene Wege führen zum Kernstück des Gartens, einer aus dunklem Vulkangestein gebauten Grottenlandschaft. Ein paar Stufen hinunter und man wähnt sich im Herz eines tiefen Urwaldes. Unter dem Dach von Palmen und Baumfarnen sind die Steine bemoost und die kleinen Wedel des Rippenfarns sprießen. Aus der Unterwelt kann man über eine Brücke aufsteigen zu einer Aussichtsplattform. Hier wandert der Blick an knorrigen Baumgestalten hoch in die locker aufgebauten Wipfel einer brasilianischen Mimose und einer Korkeiche. Umgeben ist die Grottenlandschaft von blühenden Stauden wie den dreifarbigen Paradiesvogelblumen ( Strelitzia) , roten Clivien und blauem Agapanthus.

Was der Wal in der See ist der Ficus macrophylla im Park. Die Brettwurzeln der Riesen wandern über den Kronenbereich hinaus in einem Umkreis von 30m durch den Park. Kinder können sich hier prima verstecken.

Auch hier gibt es einen neuseeländischen Weihnachtsbaum mit dem Artnamen „robusta“. Der hat etwas dicker längere Blätter und wird hier gern als Heckenschutz gegen salzige Seewinde verwendet.
Die so mächtigen Pflanzen sind echte Luftgeborene. Sie beginnen ihr Leben in den Astgabeln anderer Bäume, senken dann ihre Luftwurzeln herab und übernehmen langsam das Territorium ihrer Wirte.
Ein wahrlich robustes Mandat der Evolution.

Unter einer dicken, tausendjährig anmutenden Araucarie, die erst 150 Lenze zählt (wobei hier eigentlich immer Frühling ist) kann man einen Kaffee trinken.

Vulkanische Landschaften – Blaue und grüne Tränen

Wie dicke Zipfelmützen reihen sich entlang der Küste erloschene Krater. Heute weiden hier Kühe, die sich als Landartkünstler auszeichnen. In vielen konzentrischen Ringen umgeben die Kuhpfade die grünen Kegel.

Einige Vulkane sind bei der Eruption explodiert und haben große Löcher hinterlassen, in denen sich Seen gebildet haben. Die beiden schönsten Lagoas finden sich im Westen der Insel, der Lagoa Azul
( Der blaue See) und nur von einer Brücke getrennt der Grüne See ( Lagoa Verde ). Den Kraterrand kann man erwandern oder mit dem Auto zu einem Aussichtspunkt fahren.

Welch unglaublicher Anblick tut sich einem nach feuchten gewundenen Wegen auf. Man blickt in eine weite Landschaft mit Höfen und Weiden und den Ort Sete Citades, die komplett vom Rund des steilen grünen Kraterrandes umgeben ist. Die Lichtspiele der überziehenden Wolken auf den Seen sind einfach nur großes Schauspiel – wahrlich ein Gruß vom Paradies.

Warum aber die Namen Grüner See und Blauer See?
Dazu haben die Insulaner eine Erklärung, der man gerne glauben will:

Einst trafen sich an einer romantischen Stelle am Kraterrand die Königstochter und ein armer Hirte, die sich ewige Liebe schworen. Die Ewigkeit dauerte nur etwas mehr als drei Tage, dann wurde die Königstocher standesgemäß verheiratet und der Hirtenjunge schnöde vertrieben.

Das letzte geheime Treffen der Lieben war von Tränen geprägt. Die blauäugige Prinzessin gebar dabei den blauen See und der grünäugige Hirte den grünen See. Wer lauscht soll noch heute das leise Schluchzen der beiden hören.

Ich glaube aber eher dass es das Schluchzen der Besucher ist, die sich einfach nicht von dieser wunderbaren Stelle haben loseisen können.

Mutter Erde kocht für uns

Klein und bescheiden werde ich beim Anblick von Felsformationen. Hier blickt man in die Jahrmillionen alte Geschichte der Erde. Was einst ordentlich übereinander geschichtet war, wurde durch unglaubliche Kräfte verformt, gefaltet, gestaucht, um fast 90 Grad gedreht. Und das alles mehrfach. Bei den Azoren treffen drei mächtige Erdplatten aufeinander, die reiben und schieben und dabei Hitze erzeugen. Wärme die in Thermalquellen und Fumarolen z.b in Furnas einen fast niedlichen Hauch der Kräfte zeigen, die tief im Erdinneren toben. Eine ganz praktische Auswirkung: Direkt in brodelnder Quelle kann man einen Eintopf über 6 Std. langsam garen lassen.
Wo ist Mutter Erde wohl zu gleicher Zeit furchterregender und fürsorglicher als hier?

Vulkanische Aktivitäten zeigen sich durch gebackenes Gestein und dunkle Schlote in den Steilwänden an der Küste. Temperaturen von einigen tausend Graden haben bewirkt, dass Steine schmelzen. Steine schmelzen !! In Granitpflastern sieht man noch immer Mineralien aus der Tiefe blinken. Aus tief dunklem Basalt raunt Unergründliches.

Einen Vulkanologen habe ich im Studium erlebt. Die komplexen Vorgänge bei einem Vulkanausbruch stellte uns der alte Herr mit kindlicher Begeisterung vor. Mit einem Schmunzeln berichtete er von den letzten ekstatischen Worten eines Kollegen, der über Funk live von einem Vulkanausbruch berichtete: „Er kommt“. „Für einen Vulkanologen sicher ein schöner Tod“ schloss der Professor seine Vorlesung.

Die Erfahrung der großen Erdkräfte hält uns jung. Der Tanz auf dem Vulkan sorgt für kurze Freude.

Die Vulkane auf den Azoren gehören ob ihrer Vielfalt zu den am besten erforschten der Welt.
Ein Ausbruch kann in der Regel ausreichend früh vorhergesagt werden. Der letzte Ausbruch auf Sao Miguel ereignete sich vor 50 Jahren.