Des Gärtners Versuchung

von Christoph Laade

Es gibt sie, die Tage an denen einfach alles stimmt. Die Sonne scheint. Ein leichter Wind sorgt für Frische. Die paar Pfützen zeigen einem vor allem: Gestern war alles trüb, aber heute ist alles gut. Eine leichte Selbstverständlichkeit leitet die Gedanken.

Ein idealer Tag für einen Ausflug zum Schloss und Garten Parham im Osten von Sussex. Man durchquert ein Eingangsportal mit Pförtnerhäuschen. Ein gewundener Weg führt durch Wäldchen und sauber abgenagte Wiesen zum Herrenhaus. Hirsche kreuzen den Weg. Schafe tupfen weiß den Horizont.

Es ist ruhig, man hört die Vögel. Das Herrenhaus mit Nebengebäuden taucht auf. U-förmig sind die Gebäude angeordnet, wie es in der Zeit der ersten Elisabeth um 1600 üblich war. Grauer Stein mit mattweißen Einsprengseln wurde verwendet. Auf Sichtweite des Eingangs erkennt man noch den Steinbruch aus dem die Steine für das Haus gewonnen wurden. Rote Pelargonien strecken ihre Blüten über die Eingangsmauer. Nichts hier ist übertrieben, alles wirkt freundlich, einfach und selbstverständlich.

Das Hauptgebäude ist vielfach untergliedert, über Jahrhunderte wurde angebaut und verworfen. Nur 3 verschiedene Familien lebten hier. Ende des 19. Jahrhunderts war das Ensemble recht verfallen bis der erfolgreiche Ingenieur Clive Pearson sich mit seiner adeligen Gattin Alica niederlies. Das heruntergekommene Anwesen erblühte neu. Kunst und Möbel aus der elisabethanischen Zeit ergänzten bestehendes.

Im ummauerten ehemaligen Gemüsegarten wurden Obstbäume und Blumen gepflanzt und Gewächshäuser gebaut. Wunderbare luftige Gebilde sind es mit weißem Holzrahmenwerk auf Ziegelsteinmäuerchen. Fein aufgeräumt ist es drinnen. Manch unbekannte Blüte zeigt sich und eine hübsche Sammlung an Pelargonien. Je kleiner die Blüte, desto vielfältiger und intensiver ist der Duft. Zwei englische Damen erörtern, welche der Sorten sie auch schon in ihrer Sammlung haben. Meine eigene Sammlung besteht aus exakt 6 Verschiedenen. Ich höre noch eine der Damen sagen: Das sind alles sooo besondere Sorten hier.

Ich gehe weiter. Der herbstliche Garten lockt mit rotem, blauem und gelbem Farbenspiel. Doch der Garten lockt mich nicht mehr. Ich kehre zurück ins Gewächshaus. Die Ladies sind weg, eine junge Gärtnerin bindet auf. Ich forme mit der Hand einen Trichter und durchstreife die Blätter einer weißgrünen Sorte. Die Blätter fühlen sich spröde an. Der Duft ist…. Lassen Sie mich einfach sagen: unbeschreiblich. Ich könnte nun mit einigen der Standardbeschreibungen wie: nach Minze, Apfel, Orange, Zitrone, Moschus, Schokolade etc. um mich werfen, aber ich kann den Duft schlicht nicht beschreiben. Möglicherweise öffnet dieser Eindruck bei Ihnen die Duftporen: Eine Mischung aus Schwere und Strenge mit einem Hauch von Frische.
Einmal im Bann der vielfältigen Düfte kann ich mich kaum mehr von den Pflanzen vom Kap wenden. Meist sind die Blättchen wenig ansehnlich und sparrig. Egal: Trichter formen, Duft aufnehmen, einatmen und es gibt einfach keine weiteren Fragen.

Vielleicht doch: Eine einzige Frage bemächtigt sich meiner: Wann macht die nette Gärtnerin eigentlich Mittag?

Ich lächle ihr zu, sie lächelt auch und fragt, ob ich schon einen Apfel in der Scheune am Eingang versucht hätte, den die Kollegen heute Morgen frisch geerntet haben. Ich fühle Röte auf meinen Wangen, denke: Und ewig lockt Eva mit dem Apfel. Diese Eva lockt mich mit dem Apfel allerdings weg, um mich von einer Missetat abzulenken.
Ich danke innerlich und mit Worten, gehe zu den Äpfeln und bei einem kräftigen Biss ins Fruchtfleisch überlege ich: Wie lange hält sich wohl ein frisch abgerissener Steckling? Wo bekomme ich jetzt wohl eine Plastiktüte her? Wo ein Taschentuch? Wo Wasser?

Schon ist mein Plan gereift, da kommt Eva vorbei. Ich hebe den Apfel und sage mit vollem Mund: „delicious“ blicke ihr nach und bin bereit für die böse Tat.

Das Gewächshaus ist offen, weit offen…, die Sonne scheint, das Herz pocht, das schlechte Gewissen wird mit „Ist doch nicht so schlimm“-Gedanken umgarnt. Ich mache einen kleinen Umweg…. Es soll ja nicht so aussehen wie…. und betrete das Gewächshaus wie zufällig durch den Gärtnereingang. Wieder sind Besucher im Haus.

Ich verhalte mich besonders unauffällig, schaue mich um, betrachte Fotos, untersuche das ausgestellte Werkzeug.

In einer dunklen Ecke hängt ein Gedicht, die Leute sind noch da, ich bemühe mich um die Poesie an der Wand.

Die Besucher bei den Pelargonien noch im Auge erfasse ich die Aussage des Gedichtes:

Wo immer Du Gärtner einen Steckling klaust,
sollen hernach in Deinem Garten Schädlinge und Krankheiten wüten
und ein strenger Frost wird Deine Pflanzen heimsuchen.

Ertappt! Das richtige Wort zur richtigen Zeit, welch eine Kraft! Ich trolle mich.

Irgendwie ist es natürlich tröstlich, dass ich mit meinen dunklen gärtnerischen Trieben nicht alleine auf der Welt bin.

In der alten Küche von Parham ist ein Restaurant untergebracht. Dort gönne ich mir eine Suppe. Sie schmeckt herrlich.

Das Foto des Gedichtes bleibt die einzig habbare Beute dieses Tages. Zufrieden stimmt mich jedoch vor allem, einen schönen Tag nicht durch schnödes Verlangen entweiht zu haben.

An schönen Tagen haben dunkle Wölkchen einfach nichts zu suchen. Wenn zum Schönen noch ein Zipfel an Einsicht kommt, dann kann es beschwingt weiter gehen.