Exoten im Garten

Exoten allerorts

von Christoph Laade

Derzeit erleben wir große Wanderungsbewegungen. Viele tausend Menschen aus uns fremden, also exotischen Ländern müssen fliehen. Ihre Heimat ist gefährlich geworden oder bietet kein Auskommen mehr. Kurz Denkende reagieren mit Angst und Ablehnung. Andere mit Interesse, Mitleid und hoffen in Bälde auf neue Arbeitskräfte.

Exoten im Garten sind bei uns dagegen schon lange fast ausnahmslos willkommen: Rosen aus Damaskus und Mazedonien. Die Tulipane, Krokusse und Schneeglöckchen aus der Türkei. Storchschnabel und Gedenkemein aus dem Kaukasus. Gräser und Hosta aus China. Sonnenhut und Astern aus Amerika. Geranien und Dahlien aus Südafrika. Fuchsien aus Südamerika. Rhododendren und Kamelien aus Nepal. Schönheiten, die heute längst eingebürgert sind und hier weiter entwickelt wurden. Pflanzen die uns ans Herz gewachsen sind, gehätschelt und gepflegt werden.

Nützliche Obst-, Gemüse- und Kräutersorten aus fernen Ländern wie Äpfel, Tomaten und Kartoffeln, Rosmarin, Thymian sowie Salbei ermöglichen unseren Gärtnern und Bauern seit Generationen ein gutes Auskommen.

Nicht immer gelingt die Integration geräuschlos. Manche Geister, die man rief, will man am liebsten wieder komplett loswerden. Manche Neuankömmlinge wie Riesenbärenklau, Beifuß-Ambrosie oder Balsamienspringkraut sollen bekämpft werden. Sie seien invasiv, würden die heimische Vegetation verdrängen. Nun ja, das nur nebenbei, ist ziemlicher Unsinn. Wo die Natur einigermaßen intakt und stabil ist, herrscht keinerlei Gefahr. Wo der Mensch allerdings alles durchgewühlt, den Mutterboden entfernt hat und nur nackter Boden überbleibt, haben schnellwüchsige Arten für ein paar Jahre das Sagen.

Wer aber hat im Garten eigentlich das Sagen, wenn die Harke ruht?
Dann drängt sich der Giersch zwischen die Astern, Vergissmeinnicht überwuchert die Tulpen und ermöglicht Schnecken Zugang und Fraß.
Der giftige Fingerhut macht der jungen Mutter Angst. Knalliger Klatschmohn stört das Farbempfinden im pastellfarbenen Beet. Erdrauch überdeckt den Teppichthymian. Kamille, Mutterkraut und Gartenkerbel sind zwar niedlich und nett anzuschauen, sollen aber bitte japanische Petersilie und Sedum nicht zu stark bedrängen. Wucherer wie Rainfarn und Lichtnelken rufen oftmals Panikattacken (Wo ist das Round UP?) beim Gärtner hervor. Ungeduldig denkt man: Wie kann ich Diese ungerufenen Geister nur wieder loswerden? Schließlich wollen wir unsere hübschen Exoten schützen.

Viel interessanter ist doch eigentlich: Woher kommen diese Geister? Etwa vom unordentlichen Nachbarn oder sind es blinde Passagiere im Topf der Kulturpflanzen? Sie kennen alle die Antwort. Alle letzt genannten wunderschönen Pflanzen sind seit Jahrtausenden bei uns heimisch. Jeder Haufen Mutterboden ist ein Schatzkästchen von Mutter Natur und wartet nur darauf durch Gärtners Harke ans Licht zu kommen und so wachgeküsst zu werden.

Des Menschen Wege sind oft unergründlich. Wenn Menschen aus fernen Ländern zu uns kommen, reagieren wir ebenso mit Angst, wie wenn einheimische Pflanzen im Garten auftauchen.

Am besten ist wohl in beiden Fällen: Kennen lernen, verstehen und integrieren.