Garten Highgrove

Die Fahrt von Ashford in Kent nach Highgrove in der Grafschaft Gloucestershire im Westen von London ist lang. Über 3 Stunden zieht sich die Strecke. Für mich sind es drei kurze Stunden, denn die eigentliche Vorbereitung dieses Besuches im „Garten ihrer königlichen Hoheit“, dem Prinzen von Wales dauerte ziemlich genau sechs Jahre.Jahr um Jahr wurden meine Ersuche, mit einer Gruppe den Garten besuchen zu dürfen, ignoriert. Ein einziges Mal wurden wir abgewiesen, mit der Begründung der Prinz empfange nur Mitglieder von Gruppen denen er selbst vorsteht.

Heilige Spannung
Eine fast schon heilige Spannung entstand als wir an einem romantischen Gartenhäuschen halten müssen und nun wissen, dass die unscheinbare Auffahrt ohne Namen die richtige war. Uns empfängt nämlich ein pausbäckiger Constable, korrekt mit hoher Mütze und schwarzer Uniform. Nach einer Untersuchung des Kofferraumes dürfen wir weiter. Kein Zweifel wir sind im Hochsicherheitsbereich des Prinzen. Überall, so lasse ich mir später von Kunden berichten waren Kameras versteckt, allerdings sehr dezent. Mir ist keine einzige aufgefallen, zu beschäftigt war ich mit den Übersetzungen unsere Führerin Susan. Sie empfing uns nach einer weiteren Kontrolle unserer Ausweise, wie es einem guten Guide geziemt, mit einem Packen zerzaustem Papier aus dem sie ab und an ein Foto zauberte. Susan führte uns zum Zugangsweg und damit traten wir, nun ganz entspannt ein in das Hier und Jetzt – nämlich in Matsch.

Im Hier und Jetzt
Im Süden Englands hatte es fast 4 Wochen unaufhörlich geregnet, erst mit unserer Ankunft hatte sich das Wetter gebessert, die Sonne zeigte sich. Entlang der Auffahrt führte die Besuchsroute in enger werden Kreisen um das Herrenhaus in der leichthügeligen Landschaft bei Tetbury unweit von Bath.Susan hält bei der Wildwiese an, die in diesen frühen Maitagen von blauen Präriekerzen umflochten von Hahnenfuß belebt ist. In der Ferne, zwischen kunstvoll geschnittenen Eibenhecken können wir einen Blick auf das für königliche Verhältnisse Haus von recht bescheidener Größe erhaschen.Zwei Dinge erfahren wir hier von Susan: Man kann einen Garten gar nicht genug düngen, solange man Kompost verwendet, die Pflanzen bleiben kräftig und gesund. Bei einer Wildwiese gilt es dagegen der Fläche Nährstoffe zu entziehen um die Artenvielfalt zu fördern. Derzeit wird die Wiese von 34 verschieden Arten bevölkert, es könnten jedoch weit über 100 sein. Wenn sich jedes Jahr eine weitere Art etabliert, dann wäre die Wiese in ca.100 Jahren fertig. Zeitdimensionen, die für traditionsverbunden englische Gärtner nicht erstaunlich erscheinen. Der Natur einzuflüstern, wie sie sich selbst entwickeln sollte gehört wahrlich zu einer der schwersten der gärtnerischen Partitouren. Susan weist auf die Erkenntnis des Gärtners Charles: Ein Garten ist stets in Veränderung. Wir müssen lernen mit der Natur zu arbeiten und nicht gegen sie, auch wenn dann manche Prozesse länger dauern.Trotz bester Ratgeber hat auch bei der fürstlichen Konversation mit der Natur letztlich die Natur immer das letzte Wort. Der Mensch darf Vorschläge unterbreiten: So waren Präriekerzen (Camassia) hier ursprünglich nicht im Saatgutpaket der hiesigen Pflanzen sondern aus den Steppen Nordamerikas.

Das Wäldchen mit Tempeln
Aus der Weite des Parks führt der Weg in ein Wäldchen mit einem Teich. In dessen Mitte ein kleiner Fels mit einer besondere Krone: einer Gunnera. Bei näherer Betrachtung zeigt sich diese Insel als kunstvolles Gebilde mit einem Fundament aus historischen Steinen. Behauen Steinen, einst Verzierungen aus Abrissgebäuden die normalerweise wohl als Schotter geendet wären. Der obere Stock ist aus heiligen spanischen Tuffsteinen aufgebaut. Durch die porösen Steine tröpfelt Wasser.In der großblättrigen Gunnera brüten jedes Jahr Enten, deren Küken fürwahr ins Leben geworfen werden, müssen sie doch zunächst mit ihren kurzen Schwingen fliegen statt gemächlich zu schwimmen.

Fundament Geschichte – heiliger Überbau, gekrönt von der Natur – hineingeworfen ins Leben. Sind hier etwa die Lebensthemen des Thronfolgers zu erkennen? Wir stapfen weiter durch die gewundenen feuchten Wege zur Stumperey in deren Mitte ein Tempelchen mit einem Reliefbild der Königin Mutter, (meist Queen Mum genannt) umgeben von einem hölzernen Strahlenkranz. Die kunsthandwerklichen Strahlen finden ihre Fortsetzung in den Spitzen der Wurzeln der Stumperey, einer Aufschichtung von umgedrehten Baumwurzeln. Diese dienen nun Hostas und Farnen als Heimat. Eine sehr persönliche Huldigung von Charles an seine Oma. Die Oberfläche des Giebeldreiecks des Tempels ist perforiert und erinnert an die heiligen Tuffsteine, des zuvor gesehen Felsens.Zwei weitere Tempel und eine Wand der Geschenke sowie das ehemalige Baumhaus der jungen Prinzen säumen den Weg durch das Wäldchen. Alle Gebäude wirken zurückhaltend wie persönliche Stationen eines Menschen, sicher nicht wie Statements eines Potentaten. So blicken aus dem griechischen Tempel des Waldes einige freundliche Zwerge, eine nette Irritation. Auf der zugehörigen Lichtung hockt ganz für sich aus Marmor ein üppiges Weib: Die Göttin des Waldes. All dies wird umflort von kräftigen Waldstauden. Der Prinz soll stets selbst handangelegt haben bei den Pflanzungen. Ein Bereich soll noch am nämlichen Mittag von „His Royal Majesty“, wie Susan ihren Chef stet korrekt nennt, eingepflanzt werden. Man fühlt sich dem Popstar so unglaublich nah.

Ein King im Garten
Einen „King“ sehen wir übrigens doch noch, so nennt Susan nämlich Dennis, den Chef und König des Gemüsegartens. Dennis erblicken wir allerdings lediglich mit erhobenem Hintern – beim Pflanzen. Der ummauerte etwas abgelegene Nutzgarten, ist das Herzstück der Anlagen. Hier gilt es die Prinzipien des organischen Gärtnerns auszuprobieren und auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen. Schließlich sollen Haus und Restaurant mit eigenen Früchten versorgt werden. Einen guten alten Bekannten entdecken wir auch: den Giersch. Dieser wird hier, frei nach Winston Churchill, mit drei Chemikalien bekämpft, nämlich: Sweat, Sweat und Sweat.Irgendwie erleuchtet ziehen wir weiter. An einer Reihe von Büsten, die wichtige Persönlichkeiten im Leben von Charles darstellten (die Reihe wird übrigens eröffnet von Hund Tappy) führt der Weg zur Südfront des Hauses, das schon um einiges näher gerückt ist. Auch hier flankieren die blauen Präriekerzen den Weg. Nun sind sie in ordentlichen Tuffs angeordnet. Gleiches Material wie bei der Wildblumenwiese, anderes Thema, so Susan zur Gestaltung .Auch hier weist uns Susan auf Veränderungen im Garten: Ursprünglich säumten diesen Weg 11.000 schwarze Tulpen. Dies mussten jedoch Jahr für Jahr aufgenommen, gelagert und wieder gepflanzt werden, was einmal aufwendig ist und zum zweiten nicht so recht dem organischen Gärtnern entspricht. Nun zieren zunächst kleine botanische Tulpen, dann Kuckucksblumen, darauf die blaue Camassia und schließlich die Kugeln der Alliums diese Hauptachse, bis alles im Juni gemäht wird.

Vor dem Manorhaus
Schließlich gelangen wir direkt vor die Eingangstür von Highgrove, was für den Sicherheitsdienst ein steter Alptraum ist. Für Charles war es jedoch wichtig, den Besuchern auch den Bezug zum Ort Tetbury, dessen Kichturm von hier zu sehen ist, zu ermöglichen. Direkt am Haus vorbei geht es entlang des Sonnenuhrgartens zur Südfront von Highgrove, die sich auf die Hainbuchenallee öffnet durch die wir zum ersten Mal ein Blick auf das Haus hatten. Direkt in Hausnähe sind die Hainbuchen kastenförmig geschnitten, zur Landschaft hin entfalten sich deren helle Kronen ungezähmt. Diese Allee wird von flankiert von geschnittenen Eiben, den einzigen Überbleibseln aus der Gartenanlage vor dem Erwerb. Allerdings sind die Eiben nun launisch geformt, wirken damit wie Individuen. Zuvor glichen sie eher frustrierten Spaliersoldaten. Der alte Zugangsweg ist nun einem Gewebe aus 25 Arten Teppichthymian gewichen.

Im Restaurant
Wir wollen verweilen, doch Susan ist schneller und führt uns zum Restaurant. Unter zurückhaltenden Aquarellen mit Alltagsszenarios der königlichen Familie können wir uns an Karottenkuchen oder einem Teller mit Cheddarkäse, Gemüse und Brot laben. Über der Tür zur Küche befindet sich das kleinste Gemälde, ein Porträt von Camilla, das in hoffnungsvoller Erwartung der leckeren Speisen wohl die größte Beachtung im Raum findet.

Nach 3 Stunden Besuch verlassen wir das Gelände. Der Bobby am Ausgang grüßt lässig und blickt auf etliche hellblaue Einkaufstaschen im Bus, die mit dem Wappen des Prinzen bedruckt sind. In meiner Tüte verliert sich eine Dose mit Pefferminzbonbons, die ich Stück für Stück mit meiner Freundin genießen werde, während ich von unserem Besuch schwärme.

Ein erster Kommentar aus der Gruppe kommt als wir schon einige Meilen durch die in Sonnenstrahlen getauchte maigrüne Landschaft der Cotswolds gefahren sind.

„Ich kann im Moment noch gar nichts zu dem Garten sagen, auf alle Fälle wirkt er sehr persönlich“. „Gutes braucht eben ein wenig Zeit, um sich zu entfalten“ antwortet eine ältere Dame.

Ich denke, die 6 Jahre des Wartens haben sich gelohnt und ich nasche zufrieden das erste Pfefferminzbonbon.

PS:

Schade, dass es strikt verboten war, Aufnahmen im Garten zu machen, aber wie oft habe ich Gärten bisher vor allem durch den Sucher der Kamera betrachtet um ihn erst Zuhause richtig zu entdecken.

Ab Februar 2016 können wir wieder Termine im Garten Highgrove buchen. Gerne notieren wir schon jetzt Ihr Interesse.