Zwischen Himmel und Hölle

Für Sie in Kent und Sussex

von Christoph Laade

Wer Gärten im Süden Englands besuchen will, der bekommt gratis die Fahrten durch romantische Dörfer und prächtige Landschaften dazu. Nun, Opfer muss man wohl erbringen, zumindest dann, wenn man selbst ein Auto mit Rechtslenkung steuert. Dann opfert man zwar nicht blood, sweat and tears doch man wird wieder zum Fahrschüler mit weit geöffneten Schweißporen.

Mir braucht kein aktives Verkehrsschild: `Slow down´ zuzublinken. Wenn ich mal wieder unvermittelt gebremst habe, muss ich das Hupen der Autos hinter mir wohl eher als: GO ON! interpretieren.
Dabei bremse ich wirklich nur, wenn mir auf heißen Reifen ein breites Auto entgegenkommt, dem ich zwischen meterhohen grünen Wänden eigentlich unmöglich ausweichen kann. Ich mache mich ganz klein, der Gegenüber fährt etwas über die handbreit tiefe Restböschung. Aufatmen und weiter geht es `up and down´ durch den Weald zwischen Northdowns und Southdowns.

Warum diese Hügelketten Downs genannten werden ist mir rätselhaft. Vielleicht weil früher unzählige Schafherden die armen Grasländer der Hügel niedrig gehalten haben?
Auf alle Fälle scheinen die Straßen zwischen historischen Ortschaften seit Jahrhunderten über die gleichen Trassen zu führen. Wege mit klingenden Namen wie Top Road oder Grinstead Lane erweisen sich als schmale Hohlwege, die tief in Ton und Kreidefelsen eingegraben sind. Eine malerisch gewundene Priory Road scheint zum `Highway to Hell´ zu werden, wenn einem ein breiter Bus entgegen kommt. Dann heißt es erst einmal rückwärts fahren (Rechtslenkung!) bis zum nächsten Ausweichpunkt im Wald. Das Adrenalin kocht, man schimpft und sehnt sich zurück nach den wunderbaren breiten, geraden Straßen zuhause. Doch dann die Erlösung. Das Unmögliche wurde war. Man hat den Doppelstock ohne Schrammen passiert.

Schnell lerne ich: Englische Autofahrer sind geduldig und zuvorkommend. Give Way ist die Maxime. Lichthupe bedeutet: `Fahre Du´ und nicht wie bei uns: `Weg da´. Wenn irgend möglich, fährt der Gegenüber in die nächste Haltebucht und wartet bis man sich vorbeigeschoben hat.

Mutig tauche ich von einem grünen Tunnel in den nächsten. Mächtige Eichen, Buchen, Ahorne und Ulmen reichen ihre Äste über die Straße zum Gruß. Der Abstand der Bäume zur Straße ist perfekt, meint mein Landlord. Ich meine, es ist kein Abstand vorhanden. Natürlich werden die Pflanzen immer ordentlich geschnitten, aber sicherlich nicht mehr als unbedingt nötig. Bisweilen ergibt sich ein fast senkrechter Schnitt. Wo das nicht möglich ist, wird die grüne Wand eben ein bisschen schief, was sich wie selbstverständlich bei den mittelalterlichen Fachwerkhäusern der Kirchdörfer fortsetzt.

Ich frage mich, ob es eine spezielle Sussex-Lackierung für Autos gibt, da man unausweichlich in jeder Kurve Zweige streift. Auf alle Fälle leuchtet am Ende der tiefdunklen Tunnel immer das hellgrüne Licht der Hoffnung. Wenn die Wege steiler noch oben führen, leuchten einem auch das Blau und Weiß des Himmels entgegen. Dem Himmel so nah, denke ich dann, und mein B+B ist so fern.

Weald wird die Gegend genannt nach den ursprünglich ausgebreiteten Waldflächen. Auch heute noch gibt es zwischen Canterbury im Osten und Gatwick im Westen reichlich wild anmutende Wälder, die man am besten durch Public Footpaths erkunden kann, Trampelpfade, die nur unwesentlich schmaler als die Autowege sind. Nur Mutige fahren hier Auto. Hier auf dem Land braucht man keinen Abenteuerurlaub. Der Weg zur Arbeit reicht, um dem Himmel tausendmal zu danken.

Erlöst von allen krummen, engen, dunklen Wegen taucht das ersehnte Manorhouse auf. Die Belohnung: Ein atemberaubender Garten, ein Stück Karottenkuchen (mit `icing on the top´, also geschmolzener weißer Schokolade) mit Tee bei wunderbarer Aussicht auf weite Gras- und Baumlandschaften. Und die Welt ist wieder rund. Leben eben wie ein Gärtner in England.

Still huldige ich aber auch der Leistung unserer Busfahrer, die dafür sorgen, dass wir unsere Fahrten unbeschwert genießen können.

P.S.: Die vielen ups und downs haben sich gelohnt. Ich habe wieder viele spannende Gärten für die Reisen Chelsea und Lady Gardeners gefunden. Außerdem arbeite ich gerade an einer Reise mit Besuchen bei englischen Literaten u.a. der Bloomsbury Group.